Jauch-Video, Versandabfluss und Problemfälle, Einladung in die Landapotheke
Video an Jauch: „Für Apotheken bleiben nur Problemfälle“. Ein Inhaber ist von Günther Jauch enttäuscht: „Weil ich ihn schon so lange als Werbegesicht für ausländische Versandapotheken sehe.“ Er fragt sich, ob dem Moderator überhaupt bewusst sei, was er damit in der deutschen Apothekenlandschaft anrichte. „Ich lade ihn persönlich ein, zu uns in die Apotheke zu kommen.“
Ob Jauch bewusst sei, was sein Engagement mit den Apotheken und der Zukunft aller Inhaber:innen mache, das fragt sich Gernot Pohl, Inhaber der Marien-Apotheke in Saal an der Donau. „Allein im Jahr 2025 haben erneut 500 Apotheken in Deutschland dauerhaft geschlossen“, mahnt er in einem Reel auf Social Media an, welches er an Jauch und die Politik richtet.
Die Gründe dafür seien vielfältig: „Preispolitik, Vergütung und Bürokratie sowie der Fachkräftemangel“ tragen dazu bei, so Pohl in seinem Video. Was oft übersehen werde: „Die Umsätze, die von Versandapotheken generiert werden, fließen komplett an der deutschen Wertschöpfung vorbei.“ Kein Fiskus, keine Region und keine Infrastruktur profitiere davon, stellt er klar.
Problemfälle bleiben übrig. Er macht deutlich: „Was mich als selbstständigen Apotheker am meisten demotiviert, ist die Abwanderung der planbaren Dauermedikamente ins Ausland“, so Pohl. Was den Apotheken bleibe, seien die Problemfälle. „Lieferengpässe, aufwendige Rezepturen und beratungsintensive Fälle“, zählt er einige Beispiele auf. Das koste Zeit, Nerven und demotiviere auch sein Fachpersonal, so Pohl.
Am Ende des Videos lädt er Jauch zu sich ein: „Kommen Sie mal einen Tag in eine ganz normale bayrische Landapotheke!“ Er zeige gern vor Ort, mit welchen Herausforderungen er täglich kämpfen müsse. „Das ist eine ernst gemeinte Einladung“, so Pohl. Im Kollegenkreis habe er für das Video schon viel positives Feedback erhalten.
Einbruch in Stralsund, Täter gestellt und Haftantrag, Automatiktür und Kassen beschädigt
Am 1. Januar brach ein Mann gegen 20 Uhr gewaltsam in die Bahnhof-Apotheke in Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern ein. Weit kam er jedoch nicht: „Am Bahnhof gegenüber der Apotheke sah jemand vom Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn den Vorfall und alarmierte die Polizei“, erzählt Inhaberin Gundula Mill. Der Tatverdächtige konnte daraufhin umgehend gestellt werden.
Entwendet wurde aus der Apotheke nichts, allerdings beschädigte der Einbrecher die Automatiktür. Zudem fanden sich Einbruchsspuren an den Kassenschubladen. Als Mill am 2. Januar zur Apotheke kam, war der Eingang durch ein Holzbrett abgesichert – versehen mit einem Hinweis und einer Nummer, an die sie sich wenden sollte. Sie nahm Kontakt mit der Polizei auf, die Beamten sicherten daraufhin die Spuren.
Nach Angaben der Polizei handelt es sich bei dem Beschuldigten um einen 46-jährigen deutschen Staatsangehörigen aus Stralsund. Im Rahmen der polizeilichen Maßnahmen habe sich herausgestellt, dass der Mann erheblich alkoholisiert war. Zudem besteht laut Polizeimeldung der Verdacht, dass er unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln stand.
Außerdem habe der Mann bei der Festnahme Widerstand gegen die eingesetzten Polizeibeamten geleistet. Der Beschuldigte muss sich nun nicht nur wegen des Verdachts des Einbruchsdiebstahls, sondern auch wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verantworten, heißt es in der Polizeimeldung.
Möglicherweise war es nicht der erste versuchte Einbruch, den der Mann an diesem Abend begangen hat: Laut Polizeiangaben verdichteten sich Hinweise – unter anderem durch eine Augenzeugin –, dass der Beschuldigte bereits früher am selben Abend für einen versuchten Einbruch in ein Süßwarengeschäft am Apollonienmarkt in Stralsund verantwortlich sein könnte. Der Mann sei der Polizei bereits mehrfach bekannt und einschlägig vorbestraft, unter anderem wegen Eigentumsdelikten.
Aufgrund der Gesamtumstände stellte die Staatsanwaltschaft Stralsund einen Haftantrag, dem das zuständige Gericht stattgab. Der Beschuldigte befinde sich derzeit in Untersuchungshaft. Die weiteren Ermittlungen dauern an.
David Bowie, verschiedenfarbige Augen, Schulhofstreit und Mydriasis traumatica
Am 10. Januar jährt sich der Todestag von David Bowie zum zehnten Mal. Der Londoner Popstar bleibt vielen auch wegen seines auffälligen Looks in Erinnerung – inklusive verschiedenfarbiger Augen. Dass seine Augen unterschiedlich aussahen, geht auf eine Prügelei auf dem Schulhof zurück.
Am 10. Januar 2016 ist David Bowie (geboren David Robert Jones) nach schwerer Krankheit gestorben. Das passierte nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung seines 26. Studioalbums „Blackstar“. Der Musiker schaffte es zeitlebens, die Menschen nicht nur mit seiner Musik zu erreichen, sondern auch mit verschiedenen Rollen zu faszinieren, die er um sein musikalisches Werk kreierte. Darunter seine bekannteste Bühnenfigur Ziggy Stardust. Das 1972 erschienene Album „The rise and fall of Ziggy Stardust“ dreht sich um den Helden Ziggy, der auf die Erde gekommen ist, um den Menschen den Rock ’n’ Roll zu bringen, letztlich aber scheitert. Bowie verkörperte die Rolle mit Plastikstiefeln, engen Hosen, durchsichtigen Hemden und einer roten Stachelfrisur. Er tourte damals mit seiner Begleitband „The Spiders from Mars".
Sein Durchbruch gelang David Bowie 1969 mit dem Song „Space Oddity“. Er orientierte sich daraufhin über mehrere Alben hinweg textlich und visuell immer wieder am Thema Weltraum und der Vorstellung von außerirdischem Leben. Mit seiner Musik, seinen einzigartigen Bühnenshows und seinen extravaganten Outfits konfrontierte der Popstar die Welt mit dem Neuen und Fremden. Die unterschiedlichen Farben seiner Augen betonten diesen besonderen Look: Sein rechtes Auge war hellblau, sein linkes Auge war dunkler und wirkte dadurch manchmal grün, manchmal braun.
Dabei handelte es sich nicht um eine Iris-Heterochromie, den häufigsten Grund für verschiedenfarbige Augen. Der Grund bei David Bowie war eine Mydriasis traumatica, eine dauerhafte Erweiterung der Pupille infolge eines gerissenen Ringmuskels im Auge (siehe Kasten „Mydriasis traumatica“). Im Alter von 15 Jahren wurde David Robert Jones von seinem Schulfreund George Underwood mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Dabei ging es um ihre Mitschülerin Carol Goldsmith, auf die sie beide ein Auge geworfen hatten. George hatte ein Date mit ihr vereinbart und David beauftragt, das Treffen zu organisieren. Doch David war eifersüchtig und log George an, dass Carol abgesagt habe. Das Mädchen wartete daraufhin umsonst auf ihren Datepartner, und George wurde um die Verabredung mit ihr gebracht. Wutentbrannt schlug George seinem Schulfreund daraufhin ins Gesicht.
Mydriasis traumatica. Eine Mydriasis bezeichnet die Weitstellung der Pupille. Sie tritt auf durch Adapation der Augen an dunkle Lichtverhältnisse, bei starker Erregung wie Angst oder Freude, durch pathologische Reizung und aufgrund einer Lähmung bzw. Hemmung des Ringmuskels in der Iris (Musculus sphincter pupillae). Eine Mydriasis wird in der Medizin gezielt bei Augenuntersuchungen genutzt oder um den Bewusstseinszustand einer Person zu überprüfen. Bei einer Mydriasis traumatica handelt es sich um eine meist langanhaltende oder dauerhafte Weitstellung der Pupille aufgrund einer Verletzung des Musculus sphincter pupillae, dem ringförmigen Schließmuskel in der Iris [2].
Nach dem Faustschlag brachte man den jugendlichen David Bowie in ein Londoner Krankenhaus, später in eine Augenklinik. Doch der Schaden war irreparabel: Der Sphinktermuskel des linken Auges war beschädigt. Nach zwei Operationen blieb der Ringmuskel gelähmt und die Pupille geweitet. Später beschrieb der Künstler, wie dies seine Wahrnehmung beeinträchtigte: „Das hinterließ bei mir ein seltsames Gefühl für die Perspektive. Wenn ich zum Beispiel Auto fahre, kommen die Autos nicht näher, sondern werden einfach nur größer.“
Trotz des Streits und der Verletzung am Auge überdauerte die Freundschaft zwischen George und David. Sie spielten gemeinsam in zwei Bands und arbeiteten lange als Künstler zusammen. Underwood gestaltete mehrere Cover von Bowies Platten, zum Beispiel zum Album „Hunky Dory“ (1971). David Bowie dankte seinem langjährigen Freund später sogar dafür, dass er ihm mit seinem Faustschlag ein mystisches Aussehen verliehen habe.
BG-Rezept, Auswahlregeln im Vertrag, Notdienstgebühr bei noctu und cito
Die Berufsgenossenschaften (BG) haben bislang noch keine Rabattverträge geschlossen. Apotheken haben dennoch keine freie Wahl, denn im Arzneiliefervertrag ist in § 4 die Auswahl preisgünstiger Arzneimittel geregelt.
Bei einem Arbeitsunfall oder berufsbedingten Krankheiten übernimmt nicht die Krankenkasse die Kosten für die Arzneimittel, sondern die gesetzliche Unfallkasse. Zulasten der BG dürfen sowohl Heil- als auch Hilfsmittel verordnet werden. Rechtliche Grundlage ist § 1 Arzneiliefervertrag: „Dieser Vertrag regelt die Sicherstellung der Versorgung gemäß § 27 Absatz 1 Nr. 4 SGB VII der in der gesetzlichen Unfallversicherung Versicherten […] mit a. Arzneimitteln, b. Verbandmitteln sowie c. Medizinprodukten und sonstigen apothekenüblichen Waren (§ 1a Absatz 10 Apothekenbetriebsordnung) einschließlich Hilfsmitteln.“
Für Apotheken bedeutet das, sie dürfen sowohl verordnete verschreibungs- als auch apothekenpflichtige und frei verkäufliche Präparate abgeben. Dazu zählen auch Verband- und Hilfsmittel sowie apothekenübliche Waren, inklusive Körperpflegemittel und Medizinprodukte.
Die gesetzliche Zuzahlung ist nicht zu leisten. Festbetragsaufzahlungen können jedoch anfallen, es sei denn, die verschreibende Person nimmt einen entsprechenden Vermerk vor. Schon das Setzen des aut-idem-Kreuzes ist ausreichend. Grundlage ist § 5 Arzneiliefervertrag, denn darin heißt es: „Dies gilt nicht, wenn der Arzt auf dem Verordnungsblatt auf die medizinische Notwendigkeit des teureren Mittels hinweist; in diesem Fall ist dem Unfallversicherungsträger ungeachtet der Festbetragsregelung nach §§ 29 und 31 SGB VII der Apothekenabgabepreis in Rechnung zu stellen. Als Hinweis auf die medizinische Notwendigkeit ist beispielsweise das Setzen des aut-idem-Kreuzes zu werten.“
Für die Wahl des Arzneimittels gibt es jedoch eine klare Regelung im Arzneiliefervertrag. Grundlage ist § 4 Auswahl preisgünstiger Arzneimittel. Demnach ist vorrangig ein Rabattarzneimittel abzugeben – doch noch wurden keine Verträge geschlossen. Doch auch dafür gibt es eine Regelung und es stehen die vier preisgünstigsten Arzneimittel und – wenn das Arzneimittel unter seinem Produktnamen verordnet wurde – zusätzlich das namentlich verordnete Präparat zur Auswahl.
Können aus tatsächlichen oder pharmazeutischen Gründen weder die vier preisgünstigsten noch das namentlich verordnete Arzneimittel abgegeben werden, darf die Apotheke ohne Arztrücksprache das nächstpreisgünstige, vorrätige Arzneimittel abgeben. Dies ist bei E-Rezepten im Abgabedatensatz und mit qualifizierter elektronischer Signatur zu dokumentieren – eine Dokumentation ist auch für Papierrezepte verpflichtend. Außerdem gelten die Regelungen zur Austauschbarkeit von Arzneimitteln gemäß § 129 Absatz 1 Satz 2 SGB V sowie die Regelungen zu Lieferengpässen gemäß § 129 Absätze 2a und 2b SGB V.
Die Apotheke kann der BG die Notdienstgebühr in Rechnung stellen, wenn die Praxis die Kennzeichnung „noctu“ gesetzt oder den Vermerk „noctu“, „cito“ oder einen entsprechenden Hinweis angebracht hat und die Apotheke in Zeiten ihres Notdienstes in Anspruch genommen wird, und zwar montags bis samstags zwischen 20.00 Uhr und 6.00 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen und am 24. und 31. Dezember, wenn dieser auf einen Werktag fällt, bis 6 Uhr und ab 14 Uhr.
Abnehmspritze, rasche Gewichtszunahme, Studie aus Oxford und BMJ-Auswertung
In weniger als zwei Jahren nach dem Absetzen von Abnehmspritzen sollen Anwender:innen das Ausgangsgewicht wieder erreicht haben. Das sei viel schneller als nach herkömmlichen Diäten, stellten Forschende nun fest.
Übergewichtige, die GLP-1-Spritzen verwenden um abzunehmen, müssen nach dem Absetzen der Mittel mit einer rasanten Gewichtszunahme rechnen. Das bestätigt eine Studie der Universität Oxford, die kürzlich im British Medical Journal veröffentlicht wurde.
Die Analyse wertete 37 bestehende Untersuchungen zu Medikamenten zur Gewichtsreduktion aus. Insgesamt nahmen 9341 Personen teil, die in einem Zeitraum von elf bis 176 Wochen mit Wirkstoffen wie Semaglutid und Tirzepatid behandelt wurden. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Mittel 32 Wochen.
Übergewichtige Personen verloren zwar während der Anwendung von GLP-1-Agonisten etwa ein Fünftel ihres Körpergewichts, nahmen aber nach Absetzen der Behandlung durchschnittlich 0,8 Kilogramm pro Monat wieder zu. So erreichten die Personen innerhalb von nur anderthalb Jahren ihr ursprüngliches Gewicht.
Mehr noch: Nach Beendigung der Therapie kehrten Cholesterin-, Blutdruck- und Glukosewerte meist innerhalb von zwei Jahren auf das Ausgangsniveau zurück, betonen die Forschenden. „Diese Medikamente revolutionieren die Behandlung von Fettleibigkeit und führen zu einer erheblichen Gewichtsabnahme. Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass Patienten nach Absetzen der Medikamente schneller wieder zunehmen als bei Verhaltensprogrammen“, erklärt Dr. Sam West vom Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der Universität Oxford.
Im Vergleich dazu würden verhaltensorientierte Interventionen einen deutlich langsameren Rückfall zeigen: „Personen, die durch Ernährung oder Bewegung Gewicht verloren hatten, nahmen nur etwa 0,1 Kilogramm pro Monat wieder zu – ein Viertel der Geschwindigkeit, die nach Absetzen der Medikamente beobachtet wurde“, verdeutlichen die Forschenden.
Linke fordert Fixum-Erhöhung, Sozialgipfel geplant und Alltag soll bezahlbarer werden
Billigeres Wohnen, Rückkehr zum 9-Euro-Ticket, kostenloses Mittagessen in Kitas und Schulen: Die Linke setzt auch in den kommenden Monaten auf das politische Versprechen, den Alltag bezahlbarer zu machen. Die Bundestagsfraktion beschloss zum Jahresauftakt eine Reihe von Anträgen, die unter anderem neue Auflagen für Vermieter bedeuten würden. Darunter sind zudem auch Forderungen zur Stärkung der Apotheke vor Ort: Unter anderem wollen sie das Fixum auf 9,50 Euro erhöhen.
Apotheken sollen je Packung eine bessere Vergütung von 9,50 Euro bekommen. Statt mit Rabattverträgen soll die Wirtschaftlichkeit der Arzneimittel „in der Arzneimittelpreisbildung gewährleistet werden“, denn „weder die verschreibenden Ärzt:innen noch die Apotheken sollten viel ihrer Zeit darauf verwenden, die günstigsten Präparate auszuwählen“.
Zudem kündigte Fraktionschefin Heidi Reichinnek einen „Sozialgipfel“ mit Gewerkschaften und Verbänden an, bei dem Bürger ihre Lage schildern sollen. „Die Menschen haben sich so sehr daran gewöhnt, dass alles immer schlechter wird, und wir wollen zeigen, dass es auch besser werden kann, und zwar für alle.“
Ihr Co-Vorsitzender Sören Pellmann ergänzte: „Das heißt, ganz konkret: Senkung der Lebensmittelpreise, bezahlbare Mieten, gerechte Löhne und gerechte Renten, die armutssicher sind, Krankenkassen- und Pflegekassenbeiträge, man sich auch leisten kann und eine Mobilität für alle.“
Wie die Milliardenkosten bezahlt werden sollen, erläuterte Pellmann auf Nachfrage nicht im Einzelnen. Er sagte nur, die Vorschläge seien finanzierbar. Mehrheiten dürften die Vorstöße der kleinen Oppositionspartei vorerst ebenfalls nicht finden – die Linke hat nur 64 Abgeordnete.
GKV-Finanzmisere, Einnahmeseite im Fokus, Ökonom warnt vor Spargesetz
Die Finanzdefizite der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden in der politischen Debatte häufig als Ausgabenproblem beschrieben: höhere Krankenhauskosten, teure Arzneimittel, medizinisch-technischer Fortschritt. Professor Dr. Thomas Drabinski, Institutsleiter am Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) in Kiel, hält diese Erklärung für zu kurz gegriffen und rückt die Einnahmeseite in den Mittelpunkt. Ausgabensteigerungen, so seine Zuspitzung, erklärten die Krise nur unzureichend; der „zentrale, strukturelle Treiber“ liege tiefer und werde politisch weitgehend verdrängt.
Diese Verschiebung des Blicks bedeutet in der Praxis: Wer nur auf Kostendämpfung schaut, behandelt oft Symptome, nicht die Statik. Die Einnahmen der GKV hängen vor allem an beitragspflichtigen Einkommen und an der Zahl derjenigen, die in Beschäftigung Beiträge zahlen. Wenn sich Beschäftigungsstruktur, Lohnsumme, Teilzeitanteile, demografische Verhältnisse oder die Lasten zwischen beitragsfinanzierten und steuerfinanzierten Aufgaben verändern, wirkt das unmittelbar auf die Stabilität der Einnahmebasis, auch dann, wenn einzelne Ausgabenblöcke sich vergleichsweise „normal“ entwickeln.
Genau an dieser Stelle setzt Drabinskis Warnung vor einem Spargesetz an: Sparlogik, die vorrangig an Leistungskürzungen, Zugangsbarrieren oder Verschiebungen zwischen Versorgungssektoren ansetzt, kann kurzfristig Entlastung suggerieren, aber langfristig die Funktionsfähigkeit unter Druck setzen, wenn sie die falsche Stellschraube bedient. Wer die Einnahmeseite nicht adressiert, läuft Gefahr, die Debatte immer wieder über neue Einschränkungen zu führen, während der eigentliche Grundmechanismus unangetastet bleibt.
Der Begriff „Stabilitätsanker der Versorgung“ deutet dabei auf einen zweiten Punkt, der in solchen Diskussionen oft untergeht: Versorgungssysteme stabilisieren sich nicht nur über Geld, sondern auch über organisatorische Verlässlichkeit. Wenn Sparinstrumente die Abläufe fragmentieren oder zusätzliche Reibung erzeugen, entstehen Folgekosten an anderer Stelle: mehr Verwaltungsaufwand, mehr Koordinationsbedarf, mehr Zeitverlust, mehr Übergänge, an denen Fehler und Verzögerungen wahrscheinlicher werden. Ein Spargesetz kann dann zwar formal „Ausgaben bremsen“, aber zugleich die Leistungsfähigkeit dort schwächen, wo das System im Alltag tatsächlich getragen wird.
Drabinskis Befund ist damit weniger ein einzelner Rechenpunkt als ein Ordnungsruf: Die Krise lasse sich nicht sauber verstehen, solange die politische Erzählung überwiegend auf Ausgaben zeigt. Solange die Einnahmeseite als Tabu oder Randnotiz behandelt wird, bleiben Entscheidungen anfällig für symbolische Härten, die das System nicht stabilisieren, sondern die Stabilitätsanker in der Versorgung riskieren.
Leistungsdruck im Job, chronischer Stress, Resilienz und Führung als Puffer
Ständiger Leistungsdruck, digitale Dauererreichbarkeit und hohe Erwartungen sind für viele Berufstätige im Arbeitsalltag normal. Doch chronischer Stress kann Folgen haben. Arbeitspsychologen erklären, was dagegen schützt.
Hohe Erwartungen von außen, der eigene Perfektionismus oder die ständige Erreichbarkeit im digitalen Arbeitsalltag: Leistungsdruck ist für viele Berufstätige ein ständiger Begleiter. Auf lange Sicht kann das gesundheitliche Folgen haben – und bis zum Burn-out führen. Was können wir tun, damit es nicht so weit kommt?
Von Leistungsdruck spricht man, wenn Beschäftigte »gute Arbeit beziehungsweise akzeptable Arbeitsqualität in begrenzter Zeit bei gegebener Arbeitsmenge« leisten müssen, so eine Definition der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua). Herausfordernd sei dabei oft, dass Beschäftigte das Gefühl haben, unterschiedliche – teils auch widersprüchliche – Erwartungen erfüllen zu müssen, sei es von Vorgesetzten, Klienten oder Patientinnen.
Viele empfinden zudem Druck, ihre Arbeit fehlerfrei zu machen, richtige Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für ihre Arbeitsergebnisse zu tragen und ihre Tätigkeiten fachlich kompetent und gleichzeitig effektiv auszuüben.
Externe und interne Auslöser unterscheiden. Wichtig sei, zwischen subjektivem und objektivem Leistungsdruck zu unterscheiden, sagt der Arbeitspsychologe Sebastian Jakobi. »Ich muss die oder der Beste sein« oder »Ich darf keine Fehler machen«: Wer so denkt, verspürt subjektiven Leistungsdruck. Während der Antreiber bei subjektivem Leistungsdruck in einem selbst liegt, liege objektiver Leistungsdruck vor, wenn zum Beispiel durch Personalmangel viele Aufgaben auf einem lasten. »Äußere Antreiber können neben Personalmangel und Arbeitsmenge auch Termindruck oder die Konkurrenz sein«, sagt Emma Erhard, Psychologin bei IFBG, einer Ausgründung der Universitäten Konstanz und Karlsruhe (KIT).
Oft liegt aber auch eine Kombination von internen und externen Auslösern für Leistungsdruck vor. Glaubenssätze wie »Sei perfekt«, »Mach es allen recht« oder »Sei stark« könnten den äußeren Leistungsdruck zusätzlich verstärken. »Sie wirken oft unbewusst und sorgen dafür, dass wir uns selbst immer wieder antreiben, auch wenn wir längst erschöpft sind«, so Erhard.
Auswirkungen auf die Gesundheit. Problematisch wird Leistungsdruck Erhard zufolge dann, wenn Stress zum Dauerzustand wird und Erholung kaum noch gelingt. In dem Fall liege chronischer Stress vor. Das kann sich negativ auf unsere Gesundheit auswirken. »Psychisch zeigt er sich oft in Erschöpfung, Schlafstörungen, Gereiztheit oder sozialem Rückzug«, so die Psychologin. Auch ständiges Grübeln oder Angststörungen sind laut Jakobi möglich. Körperlich kann es beispielsweise zu Verspannungen, Magenproblemen oder einem geschwächten Immunsystem kommen. »Eine weitere mögliche Folge von dauerhaftem Leistungsdruck ist ein Burn-out«, so Jakobi. All dies führt häufig zu eingeschränkter Leistungsfähigkeit.
Sind wir heute weniger belastbar? Ein Chatbot verfasst E-Mails-Entwürfe, ein Algorithmus analysiert Daten: Wird Arbeit durch die Verbreitung technischer Unterstützung nicht eigentlich weniger und einfacher? Warum scheinen trotzdem mehr Menschen sie als belastender zu empfinden als früher? Menschen seien nie grundsätzlich belastbarer gewesen, wie Erhard sagt. Aber die Arbeitsbedingungen haben sich verändert und verändern sich kontinuierlich. Heute arbeiten der Expertin zufolge viele unter permanentem Veränderungsdruck und ständiger digitaler Erreichbarkeit. »Gleichzeitig sprechen wir offener über mentale Gesundheit, was den Eindruck erwecken kann, dass Belastungen zugenommen hätten«, so die Psychologin. Dabei seien sie vielleicht einfach sichtbarer geworden.
Grenzen kennen und priorisieren. »Hilfreich kann sein, Resilienz, also eine psychische Widerstandsfähigkeit, aufzubauen«, sagt Jakobi. Dazu gehöre, sich selbst realistische Ziele zu setzen. Aber auch Selbstfürsorge in Form von Achtsamkeitstraining sowie Entspannungstechniken wie etwa Meditation seien wichtig. »Ein guter Start ist der Realitätscheck«, so Erhard. Welche Erwartungen sind tatsächlich da und von welchen glaube ich nur, dass andere sie an mich stellen? Oft gebe es eine Diskrepanz zwischen expliziten und impliziten Erwartungen. »Wenn wir diese auflösen, fällt viel Druck ab«, sagt die Psychologin. Zusätzlich könne es helfen, die eigenen Glaubenssätze zu prüfen. Muss wirklich alles perfekt sein, oder reichen manchmal vielleicht auch 80 Prozent aus? Darüber hinaus empfiehlt Arbeitspsychologe Jakobi: »Man sollte sich der eigenen Grenzen bewusst sein und Neinsagen lernen, wenn es einem zu viel wird.« Nicht zuletzt gehe es auch darum, Aufgaben zu priorisieren. Das funktioniert am besten, indem man sich täglich eine To-do-Liste anlegt und darauf die Dinge, die am wichtigsten sind, ganz oben notiert. Hilfreich ist zu wissen, »was einem persönlich hilft, um sich zu entspannen und zu regenerieren«, so Erhard. Da dies sehr individuell ist, lohne es sich, ein eigenes Repertoire an wirksamen Erholungsstrategien aufzubauen.
Was kann der Chef tun? »Führungskräfte können entscheidend dazu beitragen, dass in ihrem Team Leistungsdruck abgefedert wird«, sagt Arbeitspsychologe Jakobi. Dazu gehöre etwa, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und regelmäßig Pausen machen und auf Work-Life-Balance achten. Auch sollten Führungskräfte den Team-Mitgliedern realistische Ziele setzen und für eine klare Kommunikation sorgen. Angebote im Unternehmen – etwa Stressmanagement-Workshops oder Resilienz- oder Achtsamkeitstrainings – können ebenfalls zu einem gesunden Umgang mit erlebtem Leistungsdruck beitragen. »Entscheidend ist dabei stets eine vorherige Bedarfserhebung, um zu verstehen, wie es den Beschäftigten wirklich geht und welche Maßnahmen sinnvoll sind«, so Erhard. Und: Wer selbst merkt, dass der Druck dauerhaft zu hoch ist und das Gefühl hat, damit nicht mehr alleine zurechtzukommen, darf und sollte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. »Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Ausdruck von Selbstfürsorge«, so Erhard.
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