• 09.01.2026 – CFS als Vollzugsfrage, EU-Notifizierung als Zeitachse, TI-Störung als Alltagstest

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DocSecur® Nachrichten - APOTHEKE:


APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute

CFS als Vollzugsfrage, EU-Notifizierung als Zeitachse, TI-Störung als Alltagstest

 

Ausgabe Nr. 144 | Verfahren liefern Tempo, Vollzug liefert Wahrheit, Verantwortung liefert Vertrauen

Stand: Freitag, 09. Januar 2026, um 18:21 Uhr

Apotheken-News: Kommentar von heute

Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über Apothekenreform, Notifizierung und Telematikinfrastruktur
Drei Signale zeigen, warum Ordnung nicht erklärt, sondern im Betrieb bewiesen wird

Eine Reform kann auf dem Papier überzeugend wirken und im Alltag dennoch falsche Reibung erzeugen. Das ist kein Zynismus, sondern die Grundprüfung jeder Ordnungspolitik: Verantwortung, Lasten und Verlässlichkeit müssen dort zusammenfinden, wo die Arbeit tatsächlich stattfindet. Gerade jetzt verdichtet sich dieses Problem an drei Stellen, die getrennt wirken, aber dieselbe Frage stellen: Wird Verantwortung sauber gebunden oder nur als Verfahren beschrieben.

Das erste Signal ist die Reformdebatte selbst. Wenn eine Standesvertretung Kritik an einem Entwurf nicht als Blockade, sondern als Vollzugswarnung formuliert, geht es nicht um Geschmack, sondern um Statik. Ein Gesetz kann Ziele definieren, aber es entscheidet sich daran, ob es im Betrieb zusätzliche Unklarheit produziert oder Unklarheit reduziert. Wer Ordnung verspricht, muss zeigen, wo Zuständigkeit endet, wo Haftung beginnt und wie Übergänge so gestaltet werden, dass sie nicht in der Fläche zu Dauerstreit werden.

Das zweite Signal ist die europäische Zeitachse. Notifizierungsverfahren wirken wie Technik im Hintergrund, sind aber in Wahrheit eine zweite Ebene politischer Realität: Sie verlängern Übergänge, schieben Inkrafttreten, schaffen Zwischenzustände. Zwischenzustände sind im System nicht neutral. Sie sind die Phase, in der Regeln schon kommuniziert werden, aber noch nicht greifen, in der Betriebe sich vorbereiten sollen, aber nicht wissen, welche Version am Ende gilt. Wer in dieser Phase keine klare Klammer setzt, lädt Folgekosten ein, die später niemand als politische Verantwortung anerkennen will.

Das dritte Signal kommt aus der Infrastruktur. Eine TI-Störung ist nicht nur ein IT-Ereignis. Sie ist ein Alltagstest für die Behauptung, Digitalisierung mache Abläufe sicherer und einfacher. Sobald zentrale Komponenten ausfallen oder nur teilweise funktionieren, entsteht der bekannte Schattenbetrieb: Ersatzwege, Nacharbeiten, Rückfragen, Dokumentationsreste. Der Betrieb trägt die Differenz zwischen Systemversprechen und Systemzustand, und diese Differenz frisst Zeit, Ruhe und Fehlertoleranz. Genau dort wird Ordnung praktisch, weil sie nicht mehr in Paragrafen, sondern in Minuten gemessen wird.

Ein naheliegendes Gegenargument lautet, dass große Vorhaben nun einmal komplex sind: EU-Recht setzt Verfahren, Infrastruktur braucht Lernkurven, und Reformen können nicht jede Ausnahme vorwegnehmen. Das stimmt, aber es entlastet nicht. Komplexität ist kein Freibrief, Verantwortung zu entkoppeln. Gerade komplexe Systeme brauchen klare Rückbindungen, weil sonst jede Störung und jede Verzögerung in denselben Mechanismus fällt: Arbeit wandert nach unten, während Zuständigkeit oben bleibt. Das erzeugt keine Debatte, sondern Abnutzung.

Die Folgekosten sind dabei nicht spektakulär, sondern kumulativ. Jede Übergangsphase ohne klare Kante erhöht die Zahl der Interpretationen. Jede Störung erhöht die Zahl der Ausweichroutinen. Jede unklare Zuständigkeit erhöht die Zahl der Rückfragen. In Summe entsteht ein Stabilitätsparadox: Ordnung wird angekündigt, aber der Betrieb wird unruhiger. Die eigentliche Währung ist dann nicht mehr Reformtempo, sondern Verlässlichkeit.

An dieser Stelle fügt sich das Bild.

Ein System hält viel aus, solange seine Übergänge leise bleiben. Wenn Übergänge laut werden, entscheidet sich die Glaubwürdigkeit nicht an Absichtserklärungen, sondern an der Qualität der Klammer: Wer trägt welche Last, wer entscheidet im Zweifel, wer kompensiert, wenn Verfahren Zeit kosten und Infrastruktur ausfällt. Ordnung ist erreicht, wenn der Betrieb nicht ständig beweisen muss, dass er trotz Unklarheit weiterfunktioniert.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wenn Reform, Notifizierung und Infrastruktur zeitgleich an den Alltag drücken, ist die zentrale Frage nicht, ob alles „auf Kurs“ ist, sondern ob Verantwortung im Vollzug sichtbar wird. Wo Verantwortung sichtbar ist, sinkt Reibung. Wo Verantwortung unsichtbar bleibt, steigt Reibung, bis sie als Versorgungsrisiko zurückkehrt. Verlässlichkeit ist dann nicht das Ergebnis von Verfahren, sondern die Konsequenz sauberer Bindungen.

 

SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@docsecur.de
Autorenseite öffnen

Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.

 

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