• 27.12.2025 – Ministerwechsel, Honorar bleibt offen, Apotheke trägt weiter Systemdruck

    ARZTPRAXIS | Systemblick - Kommentar von heute |  Kommentar: Der Wechsel im Ministerium verändert zuerst Tonlage und Prozessrhythmus, doch entscheidend ist, ob aus Reform ...

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DocSecur® Nachrichten - APOTHEKE:


APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute

Ministerwechsel, Honorar bleibt offen, Apotheke trägt weiter Systemdruck

 

Ausgabe Nr. 120 | Verfahren wurden beschleunigt, doch Planbarkeit fehlt und jede Vertagung kostet Vertrauen

Stand: Samstag, 27. Dezember 2025, um 14:33 Uhr

Apotheken-News: Kommentar von heute

Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über Ministerwechsel, offene Honorarstatik, Kabinettsbeschluss ApoVWG und die Folgekosten der Vertagung.

Karl Lauterbachs Amtszeit lässt sich als Phase beschreiben, in der Politik vor allem über Tempo und Sichtbarkeit organisiert wurde. Das Ministerium blieb permanent im Modus der Ankündigung, der Taktung, des nächsten Pakets. Für ein System, das in Krisen handlungsfähig sein muss, kann das Stärke sein. Für die Versorgung ist es aber nur dann Stärke, wenn aus Geschwindigkeit Verlässlichkeit wird und aus Rollout-Rhetorik eine belastbare Praxis, die Fehler, Störungen und Reibung mitdenkt.

Bei der Digitalisierung ist genau dieser Unterschied sichtbar. E-Rezept und elektronische Patientenakte stehen als Meilensteine in der Bilanz, flankiert von Gesetzen, die Datenverwendung und digitale Prozesse ordnen sollen. Politisch wirkt das wie Fortschritt, weil Projekte nach Jahren wieder in die Spur gezogen werden. Im Betrieb zählt jedoch etwas anderes: ob Umstellungsspitzen abgefedert werden, ob Ausfälle nicht zur täglichen Zusatzlast werden, ob neue Pflichtketten nicht noch mehr Personal binden, das ohnehin knapp ist. Digitalisierung ist dann kein Modernisierungsversprechen, sondern ein zusätzlicher Risikotreiber, wenn sie ohne robuste Betriebslogik durch den Alltag gedrückt wird.

Parallel lief die Stabilitätsfrage der Apotheken wie ein Schatten mit, der sich nicht durch einzelne Projekte vertreiben lässt. Die frühe Phase der Legislatur zeigte, wie schnell finanzpolitischer Druck in betriebliche Belastung übersetzt wird, wenn Konsolidierung über Abschläge, Fristen und zusätzliche Nachweispflichten im Alltag ankommt. Was im Gesetz als Beitrag zur Stabilisierung erscheint, wird im Betrieb als neue Unsicherheit erlebt, wenn Honorararchitektur und Kostenrealität auseinanderlaufen. Genau daraus entsteht die Ermüdung, die viele in der Branche nicht als Stimmung, sondern als Systemsignal lesen.

Das Verhältnis zu Standesorganisationen wurde deshalb nicht nur als Stilfrage wahrgenommen, sondern als Wirkungsfaktor. Wo Austausch spät beginnt oder punktuell bleibt, entsteht schnell das Gefühl, Entscheidungen würden „am Betrieb vorbei“ konstruiert. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine Beobachtung über Steuerung: Wenn die Rückkopplung schwach ist, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Regelungen in der Umsetzung mehr Reibung erzeugen als Nutzen. In einem Versorgungssystem, das täglich koordinieren muss, wird Kommunikation selbst zur Infrastruktur.

Die Apothekenreform wurde zum Symbol für diese Mechanik. Erwartung, lange Strecke, wiederholte Ankündigung – und am Ende kein Zustand, der im Betrieb als Entlastung ankommt. Damit ist nicht „nichts“ passiert, im Gegenteil: Verfahren liefen, Entwürfe lagen vor, Positionen wurden geschärft. Doch der entscheidende Punkt blieb offen: ob wirtschaftliche Statik als unmittelbare Voraussetzung der Versorgung behandelt wird oder als nachgelagerte Verhandlungsmasse, die immer erst „im nächsten Schritt“ kommen soll.

Hier setzt der Blick auf den Ministerwechsel an. Mit Nina Warken kann sich zuerst Tonlage und Takt verändern: weniger Bühne, mehr Verfahren, mehr Ordnung im Prozess. Das kann helfen, weil Erwartungsmanagement und strukturierte Abarbeitung in komplexen Reformfeldern Stabilität in der Kommunikation schaffen. Es ersetzt aber keine Stabilität im Betrieb, wenn die Kernfrage – Planbarkeit über Honorar, Strukturkosten und Personal – erneut in Anschlussstrecken ausgelagert wird. Dann wird aus ruhigerer Sprache nur eine andere Form der Vertagung.

Der Kabinettsbeschluss vom 17. Dezember 2025 markiert diese Ambivalenz besonders klar. Er steht für Bewegung im Verfahren und für ein Paket, das Strukturen, Aufgaben und Detailprozesse adressiert. Gleichzeitig bleibt die unmittelbare Entlastung – dort, wo sie im Betrieb als Statik ankommen müsste – in der Logik „später, zügig, im kommenden Jahr“. Genau in dieser Verschiebung liegt der systemische Konflikt: Zeit ist im Versorgungssystem kein neutraler Faktor. Zeit ist Kostenverstärker, Vertrauensprobe und Personalrisiko zugleich, weil jeder Monat ohne klare Statik die Last nicht anhält, sondern kumuliert.

An dieser Stelle fügt sich das Bild.

Der Ministerwechsel ist damit weniger ein Kapitel über Personen als über Wirkungsketten. Wenn Politik vor allem Verfahren bewegt, entsteht sichtbare Aktivität, aber keine belastbare Ruhe im Betrieb. Der Prüfstein ist nicht, ob Reformen angekündigt, verhandelt oder in Pakete gegossen werden, sondern ob aus Reformarbeit ein Zustand wird, der im Alltag trägt. Wo Stabilität verschoben wird, werden Folgekosten produziert – leise, aber zuverlässig.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wenn Zeit zur Standardantwort wird, wird sie zur teuersten Variable im System. Verfahren können Ordnung schaffen, aber sie dürfen nicht zum Ersatz für Statik werden. Apotheken brauchen nicht die nächste Runde, sondern einen Zustand, der Planung wieder möglich macht. Daran wird sich messen, ob der Wechsel an der Spitze mehr ist als ein Wechsel der Sprache – nämlich ein Wechsel der Konsequenz.

 

SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@docsecur.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.

 

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