• 09.12.2025 – Retax als scharfe Haushaltswaffe, Apotheken als Sündenböcke, Politik als Risiko-Verstärker

    ARZTPRAXIS | Systemblick |  Extremretaxationen mit hoher Einzelfalllast verdeutlichen, wie Wirtschaftlichkeitsprüfungen zu existenziellen Risiken für Apotheken werden könne ...

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DocSecur® Nachrichten - APOTHEKE:


APOTHEKE | Systemblick | 

Retax als scharfe Haushaltswaffe, Apotheken als Sündenböcke, Politik als Risiko-Verstärker

 

Ausgabe Nr. 73 | Extremretaxationen entlarven ein System, das Prüfpflichten über Versorgungsrealität stellt

Stand: Dienstag, 09. Dezember 2025, um 16:30 Uhr

Apotheken-News: Kommentar von heute

Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über Retaxationen, Krankenkassenprüfungen und politisch tolerierte Existenzrisiken

Eine Retaxation von fast 90.000 Euro für einen einzigen Versorgungsfall ist kein Ausreißer, der mit Schulterzucken abgetan werden kann, sondern ein Signal für eine gefährliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse im Gesundheitswesen. Wenn Krankenkassen aus der Apothekenbetriebsordnung eine Pflicht zum Tablettenzählen konstruieren und im Nachgang von einer „unwirtschaftlichen Überversorgung“ sprechen, wird die Offizin zum nachgelagerten Kontrollorgan eines Systems, das seine eigenen Steuerungsdefizite verdeckt. Wirtschaftlichkeit wird dann nicht mehr über transparente Preis- und Strukturentscheidungen hergestellt, sondern über punktuelle Strafaktionen gegen einzelne Betriebe, die im Zweifel finanziell weitaus schwächer sind als die Institution, die retaxiert.

Parallel dazu wird seit Jahren über Apothekensterben, Personalnot, Lieferengpässe und wachsende Bürokratielasten diskutiert, ohne dass diese Themen im Retaxdiskurs ernsthaft mitgedacht werden. In dieser Gemengelage wirkt eine Extremretaxation wie ein doppelter Schlag: Zuerst nimmt die Honorierung Apotheken die Luft zum Atmen, dann entzieht eine Kasse nachträglich Erlöse, die bereits in Mieten, Gehälter und Warenfluss eingeflossen sind. Die politische Verantwortung beginnt dort, wo solche Risiken bewusst im System belassen werden, obwohl seit Langem klar ist, dass eine einzelne Retax im fünfstelligen oder sechsstelligen Bereich für viele Standorte den Unterschied zwischen Weiterbetrieb und Aufgabe bedeuten kann. Wer Apothekensterben beklagt und zugleich nichts an einer Praxis ändert, die existenzielle Einzelfälle produziert, nimmt zusätzliche Schließungen in Kauf.

Die offizielle Erzählung lautet, Retaxationen dienten der Sicherung von Qualität und Wirtschaftlichkeit. Tatsächlich entsteht der Eindruck einer versteckten Budgetsteuerung, bei der die Kassen in einer asymmetrischen Beziehung agieren: Sie prüfen mit zeitlichem Abstand, kennen das gesamte Abrechnungsvolumen und können im Nachhinein entscheiden, wo sie Zuschläge kassieren. Auf der anderen Seite stehen Inhaberinnen und Inhaber, die im Moment der Abgabe entscheiden müssen, oft unter hoher Frequenz, mit unvollständigen Informationen und begrenzten Dokumentationsressourcen. Wenn im Nachgang jede Abweichung von einer retrospektiv definierten Idealprüfung als Verstoß gewertet wird, kippt die Balance zwischen berechtigter Kontrolle und einseitiger Machtausübung.

Politisch heikel ist, dass diese Entwicklung kaum sichtbar verhandelt wird. Retaxentscheidungen entstehen im Schatten von Schiedsstellen, Vertragsklauseln und internen Richtlinien, während die öffentliche Debatte sich an großen Reformtiteln abarbeitet. Die strukturelle Frage dahinter lautet, wie viel finanzielles Risiko einer einzelnen Apotheke zugemutet wird, um vermeintliche oder tatsächliche Unwirtschaftlichkeiten im System zu sanktionieren. Solange Extremretaxationen als zulässiges Instrument gelten, wird das Versorgungsnetz bewusst an den Stellen geschwächt, an denen es ohnehin ausdünnt. Regionen mit ohnehin geringer Dichte, engagierte Einzelbetriebe mit besonderen Dienstleistungen und Standorte mit hohem Anteil komplexer Verordnungen geraten besonders leicht ins Visier.

Eine ernsthafte Neubewertung der Retaxpraxis müsste anerkennen, dass wirtschaftliche Steuerung nicht über existenzbedrohende Einzelfälle organisiert werden darf. Denkbar wären klare Kappungsgrenzen für Einzelfallretaxationen, strengere Anforderungen an die Begründung „unwirtschaftlicher Versorgung“ und Verfahren, in denen Versorgungsrealität, dokumentierte Rücksprachen und strukturelle Belastungen der Betriebe berücksichtigt werden. Es wäre Aufgabe der Politik, solche Leitplanken zu definieren, statt stillschweigend zu akzeptieren, dass Krankenkassen ihre Position als Finanzier nutzen, um Risiken nahezu einseitig nach unten weiterzureichen. Ohne eine solche Korrektur bleibt die Botschaft an die Apotheken eindeutig: Jeder komplexe Fall kann zur finanziellen Sprengladung werden – und mit jeder weiteren Extremretaxation verliert das System ein Stück Vertrauen und Stabilität, das sich mit keiner Imagekampagne zurückholen lässt.

Ein einzelner Retaxbescheid im extrem hohen fünfstelligen Bereich wirkt wie ein Suchscheinwerfer, der die blinden Flecken im Zusammenspiel von Krankenkassen, Apothekenbetriebsordnung und Versorgungspraxis ausleuchtet. Hinter der Forderung steht ein System, das Wirtschaftlichkeit über nachträgliche Sanktionen herstellt, statt über klare, vorher sichtbare Regeln und faire Honorierung. Apotheken geraten dabei in die Rolle von Prüfinstanzen, die im Alltag unter Zeitdruck, Personalengpässen und komplexen Verordnungen agieren und doch so handeln sollen, als stünde für jeden Fall unbegrenzte Prüfzeit bereit. Je stärker sich diese Schere öffnet, desto deutlicher wird, dass Extremretaxationen nicht nur Einzelfälle markieren, sondern die Statik einer ohnehin belasteten Versorgungsstruktur weiter schwächen.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Jeder Extremfall dieser Art verankert sich in den Köpfen der Inhaber und Teams als Warnsignal, dass selbst sorgfältige Arbeit in eine existenzielle Forderung münden kann. Wenn Wirtschaftlichkeitsbegriffe ohne nachvollziehbare Kappungsgrenzen eingesetzt werden, verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Partnerschaft zugunsten administrativer Akte, deren Folgen allein die Betriebe tragen. Eine politische Verantwortung entsteht dort, wo solche Risiken im System belassen werden, obwohl seit Jahren bekannt ist, wie eng viele Standorte wirtschaftlich geführt werden. Ohne klare Leitplanken für Retaxpraxis, transparente Kriterien und eine Begrenzung der Einzelfalllast bleibt das Vertrauen der Apotheken in die Finanzarchitektur des Gesundheitswesens brüchig. Eine Debatte über Retaxationen ist deshalb keine Detailfrage der Abrechnung, sondern Teil der Entscheidung, ob wohnortnahe Versorgung als schützenswerte Infrastruktur begriffen und entsprechend abgesichert wird.

 

SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@docsecur.de

Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.

Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.

Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.

Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.

 

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